Was den Veggie Day und den kategorischen Imperativ verbindet

Ganz selbstverständlich erwartet die Öffentlichkeit Selbstverpflichtungen von Unternehmen, Banken und Verbänden. Grüner? Auf jeden Fall! Nachhaltiger? Klar! Sozialer? Na aber hallo! Und wenn jemand den Spieß umdreht? Wie bereit ist jeder Einzelne zur Selbstverpflichtung? Ein Ansatz von Marcus Jänecke.

Der Durchschnittsdeutsche erwartet heute von seinem Stromanbieter, dass er sich für regenerative Energien einsetzt. Bürger-Kraftwerke sprießen aus den Kommunen wie Offshore-Windräder aus der Ostsee. Der neue Bürger holt sich seine Macht zurück, könnte man meinen. Er will Kontrolle üben, seine Lebensgrundlagen selbst sichern, ein Unternehmen in die Pflicht nehmen können, das zuvor nur von einer Handvoll Aufsichtsräten und den Aktionären zur jährlichen Devisenausschüttung verpflichtet werden konnte.

Seit einer Weile kursiert der Begriff des Wutbürgers in den deutschen Medien. Nicht nur bei Stuttgart 21 hat der neue, intellektuellere und friedlichere Mob seiner Wut Platz gemacht und Institutionen zur Verantwortung ziehen wollen. Sie wollen sie dazu verpflichten, an den Menschen, an den Bürger zu denken. Für dieses Ideal versammeln sich die Leute und werden selbst zur temporären Anti-Institution. Sie verbinden sich zu einem Meinungsblock, der Selbstverpflichtungen von den Instanzen fordert. Die kollektivierte Wut schreibt Imperative auf ihre Transparente und appelliert an die Vernunft.

Aber na nu? Imperative und Vernunft finden scheinbar nur bis zu einer bestimmten Grenze Anklang bei den neuen demokratiebewussten Bürgern unseres Landes. Von einer Re-Kantisierung der deutschen Gedankenwelt kann wohl doch keine Rede sein. Brechen wir seinen kategorischen Imperativ auf das Sprichwort “Was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem ander’n zu” herunter, gilt der Satz wohl doch nur unter der Bedingung, dass “du” eine Institution meint, aber bitte kein Individuum. “Kategorisch” ist daran aber nichts.

Erst letztens rief die Partei Bündnis 90/Die Grünen zum bundesweiten Veggie Day auf, versprach sogar die verbindliche Einführung eines fleischfreien Donnerstags pro Woche in allen öffentlichen Kantinen der Bundesrepublik. Eine absolut vernünftige Idee. Millionen Tiere werden weltweit jedes Jahr unter schlimmsten Bedingungen geboren, gehalten (vom “Leben” spricht da gar keiner) und getötet, um nur einem Zweck zu dienen: als ungesundes Nahrungsmittel auf den Tellern zu landen. Auf dem Weg von der Geburt zur plastikverschweißten Packung im Discounter hat das Tier, obwohl es von der ersten Sekunde seines Lebens an gelitten hat, Unmengen von Treibgasen selbst produziert oder indirekt provoziert. Es hat Nahrungsmittel gegessen, die einen Menschen, zumindest für einige Jahre, ebenso gut ernährt hätten. Für diesen einen Moment der vermeintlichen Gaumenfreude, wenn das Fleisch zum ersten Mal die Lippen berührt, wurden unzählbar viele negative Auswirkungen auf den Planeten, die Natur und auch den Menschen mit in Kauf genommen. Fleischessen ist Unvernunft pur. Die Verantwortung dafür fängt jedoch bei jedem Individuum an.

Und genau an dieser Stelle hört das Kant’sche Herz der Republik zu schlagen auf. Bei einem Veggie Day geht es nicht mehr darum, Institutionen zum nachhaltigen Wirtschaften, grünem Strom oder sozialer Sichtweise zu verpflichten. Hier muss jeder selbst ran, jedes Individuum wird hier zu etwas gezwungen, das der Welt insgesamt ein Stück helfen kann. Und hier schlägt die Wut des Wutbürgers plötzlich um. Es geht nicht mehr um berechtigten Groll gegen die Unvernunft einer Institution, es geht um das eigene, individuelle Bedürfnis, das Bedürfnis nach Fleisch. Es geht nicht mehr um den Kopf, die Ratio, die wir einer Bank endlich aufzwingen wollen, es geht um reine eigene Emotion, unreflektiertes Verlangen nach einem Gut, das mehr schadet als nützt.

Heutzutage werden Verpflichtungen von Institutionen ganz selbstverständlich erwartet. Bei den Individuen gilt scheinbar nur das Bedürfnis als Maß der Dinge. Wer erwartet schon von Menschen wie dir und mir “Selbstverpflichtungen”? Das ist kein Zeitgeist und deswegen konnte der Vorstoß der Grünen auch nicht funktionieren.

Ich möchte noch behaupten: Würde sich der Bundestag auf einen Veggie Day selbst verpflichten oder noch besser: einen Tag, an dem alle Abgeordneten nur die Wahrheit sagen dürfen, würde sicherlich kein Mensch murren. Ganz im Gegenteil: Die Wutbürger würden auf die Straße gehen, wenn einer aus dem Bundestag dann nicht mitspielt. Einer aus der Masse dieser politischen Institution, eben ein Individuum.

Über den Autor:

Marcus Jänecke interessiert sich für Kommunikation und die Gesellschaft im Allgemeinen und ganz im Speziellen. Seit 2011 studiert er Medienmanagement an der UAS Mittweida, ab Herbst 2013 arbeitet er in einer PR-Agentur in Chemnitz. Neben redaktionellen Erfahrungen begeistert er sich insbesondere für gute Ideen und das Social Web. Mit seiner Frau, einer Tochter und zwei Kaninchen lebt er in Chemnitz.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s