Die verlorenen Jahre

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Ein Gang durch das ehemalige Frauenzuchthaus Hoheneck

Stille und Kälte. Wenn die Wände sprechen könnten, würden sie die schauerlichsten Geschichten über Angst, Folter und Tod erzählen. Die Mauern sind die einzigen, die alles miterlebten und still in der Kälte von Hoheneck die Zeit auch weiterhin überdauern. Beim Betreten des ehemaligen Frauenzuchthauses steigen in mir mulmige Gefühle auf. Die dünnen Lichtstrahlen verblassen in den langen Gängen. Melancholie und das Gefühl der Verlorenheit macht sich breit.

_DSC0019Die Grausamkeiten zwischen 1950-1989 bekommen beim Anblick der verschimmelten Wände, engen Zellen und den unhygienischen Sanitärbereichen langsam einen Namen. Frauen, gleich behandelt, ungeachtet der Schwere ihrer Taten. Ob Kindsmörderin oder unschuldig Verurteilte, alle wurden von den Wächterinnen gepeinigt und verloren jedwedes Menschenrecht. Vor Ort umher zu gehen, in den dunklen Zellen zu stehen und die Kälte der Burg hautnah zu spüren ist für mich sehr unbehaglich. Wie müssen sich erst die Verurteilten im Bewusstsein einer langjährigen Haft gefühlt haben?

„Die Stimmung war immer unterschwellig aggressiv“, erinnert sich Helga Müller noch ganz genau.* Sie wurde 1964 u.a wegen Verleitung zum illegalen Verlassen der DDR in Hoheneck eingeliefert. Heute lebt sie in Berlin-Wannsee. Auch unter den Häftlingen fehlte es oft an Moral und Ethik. Die Haft ließ die meisten abstumpfen. Fäkaliensprache und miserables Benehmen gingen stets einher. Wer als rebellisch galt, wurde mit Psychopharmaka ruhig gestellt. Arbeit im Drei-Schicht-System setzte den Frauen körperlich zu. Die Nachtschichten waren am schlimmsten, da tagsüber ruhiges Schlafen fast unmöglich war. Gefertigt wurden unter anderem Bettwäsche  und Strumpfhosen, die dann in der BRD verkauft wurden.

Unglaubliche Zustände

Beim Gang in die Arrestzelle und dem Verschließen der Tür, gefangen in der vollkommenen Dunkelheit bleibt mir nur noch der Gedanke: ‚So schnell wie möglich wieder hier raus. ‘ Wissend, dass Spinnen und Kellerasseln („Mauerschweine“ genannt) in den Zellen herumkrabbelten, machte das Verweilen in der Dunkelheit noch unerträglicher.

Ein schiefer Blick zur Wächterin und eine Strafe mit drei Tagen Arrest war keine Seltenheit. Auch Mahlzeiten wie Suppe mit Möhren, Kartoffelschalen und Maden waren katastrophal. Die vitaminlose Kost führte zu starker Unterernährung.

Die gefürchtete Wasserzelle

Die gefürchtete Wasserzelle

Vor allem Einzelgänger hatten es schwer, denn Gemeinschaft bedeutete in Hoheneck viel. Plaudern untereinander half vielen Frauen, die schlimmen Haftbedingungen zu überstehen. Jene, die in der Arrestzelle saßen und von draußen ein „Halte durch“ hörten, schöpften wieder neuen Mut in dem Wissen, dass die anderen an sie dachten. Auch die 1975 wegen Vorbereitung zum unerlaubten Grenzübertritt verurteilte Eva Aust* schätzte die Gegenwart von Gleichgesinnten: „Wir haben viele Gespräche geführt und uns gegenseitig gestärkt.“

Die größten Erniedrigungen waren die Körperrazzien, bei denen die Frauen splitternackt ausziehen mussten. In den Spitzenzeiten befanden sich 1600 Häftlinge in Hoheneck – wobei die Zellen nur für 600 Menschen Platz boten. Die Folge: Viele Frauen schliefen auf strohbedecktem Boden und erkrankten so noch schneller. Der Gang in den Keller führt zur berüchtigten Wasserzelle. Wer hier eingesperrt wurde, stand für die Zeit des Arrests im Wasser. Möglichkeit zum Sitzen gab es nicht. Dies war eine der schlimmsten Strafen, die den Insassen zuteilwerden konnte.

_DSC0068Der Weg aus dem Keller hinaus führte ins Freie. Die Kälte der Burg hinter mir lassend, genoss ich die warmen Sonnenstrahlen. Ich war zurück im Leben. Was mir ein leichtes war, war bei den Entlassenen meist ein steiniger Weg.

Endlich frei!?

Viele Frauen kamen nach der Entlassung nicht mehr mit dem Leben zurecht. Die meisten Ehen zerbrachen und Belastungen der Haftbedingungen blieben noch jahrelang gegenwärtig. Schlafstörungen und körperliche Gebrechen sind dabei keine Seltenheit. Die Erinnerungen an Hoheneck waren stets da und so waren viele Entlassene frei und doch gefangen. Einige ehemalige Insassen engagieren sich heute im „Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen“ und als Zeitzeugen.

2001 wurde Hoheneck endgültig geschlossen und ein Jahr später an den Unternehmer Bernhard Freiberger verkauft. Eine Umgestaltung in ein Erlebnishotel scheiterte am massiven Protest der Opfer und Bürger.

Der Förderverein “Gedenkstätte Stollberg – Frauenhaftanstalt Hoheneck” möchte weiterhin in Hoheneck eine Gedenkstätte für die Opfer der DDR-Diktatur errichtet wird. Damit soll denen gedacht werden, die nicht in einem freien Staat wie wir leben durften. Die Freiheit überall hinzugehen und das eigene Leben selbst zu bestimmen ist eins der größten Güter, die wir in Deutschland besitzen. Dafür sollten wir dankbar sein.

*Zitat aus dem Buch „Der dunkle Ort“

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